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Science Cinema: „Der Fall Collini“ – Über Ungerechtigkeit und Selbstjustiz

„Der Fall Collini“ ist ein intensives und aufrüttelndes deutsches Justizdrama basierend auf dem gleichnamigen Roman von Ferdinand von Schirach. Es geht um den jungen Strafverteidiger Caspar Leinen (Elyas M’Barek), der als Pflichtverteidiger einen Mordfall zugewiesen bekommt, bei dem es darum geht, dass ein 70-jähriger Italiener namens Maurizio Collini (Franco Nero), der 30 Jahre lang ungescholten in Deutschland gelebt hat, plötzlich und scheinbar grundlos, einen angesehenen deutschen Großindustriellen ermordet. Nun gilt es für Leinen das Motiv für diese Tat herauszufinden. Dabei kommt er nach und nach einem der größten Justizskandale der deutschen Geschichte auf die Spur, an dessen Ende es mehr Fragen als Antworten gibt.

!ACHTUNG! Der nachfolgende Beitrag enthält SPOILER.  

In einer von ELSA-Hannover organisierten Expertenrunde im Rahmen des Science Cinemas vom Unikino Hannover am 19.11.2019 wurde den Zuschauern die Chance gegeben, die vielen Fragen im Anschluss der Vorführung des Films an die geladenen Experten zu richten. Bereitwillig beantworteten Frau Paula Sekula von der Staatsanwaltschaft Hannover, Herr Michael Wagner ebenfalls von der Staatsanwaltschaft Hannover und Herr Rechtsanwalt Nils Greve die Fragen und stießen damit Diskussionen an.

Unter anderem ging es darum, wie es gerecht sein kann, dass Kapitalverbrechen verjähren und wieso Selbstjustiz keine Lösung ist. Ebenfalls behandelt wurde die Frage, ob der im Film aufgerollte Prozess realistisch dargestellt wurde und die Experten erläuterten, wie sie den Fall am Ende bewertet hätten. Dabei betonten die Experten zunächst, dass der Film hauptsächlich ein Unterhaltungsfilm sei und dadurch prozessrechtliche Verfahrensweisen in den Hintergrund rückten, um Spannung zu erzeugen. Zu erwähnen ist, dass der im Film behandelte Fall zwar fiktiv, das problematische Gesetz, um das es sich dreht, aber durchaus real ist und angewandt wurde.

Namentlich handelt es sich hier um das sog. Dreher-Gesetz von 1968. Um wirklich zu verstehen, worum es in dem aufgerollten Prozess ging und was es mit dem Dreher-Gesetz auf sich hat, erklärten unsere Experten für die Gäste ohne juristischen Hintergrund zunächst den Unterschied zwischen Mord und Totschlag sowie Täter und Gehilfen. Entscheidend ist hierbei insbesondere, dass Mord nicht verjährt, Totschlag aber schon. Mit der Einführung des Dreher-Gesetzes lag es nun so, dass Mord-Gehilfen lediglich als Totschläger qualifiziert wurden, was Straffreiheit für zahlreiche NS-Verbrechen bedeutete.

Das Mordopfer, das im Film Gegenstand des Prozesses ist, war einer von den unbestraft davon gekommenen NS-Verbrechern. Unter den Menschenleben, die er auf dem Gewissen hatte, war auch das des Vaters von Collini. In dem Zuge musste klargestellt werden, dass der zentrale Aspekt der gesamten Investigation war, die Tat des Herrn Collinis nachvollziehbar zu machen, was gegebenenfalls zu einer Milderung der Strafe führen kann. Im Film wurde schnell der Eindruck erweckt, die verübte Rache rechtfertige die Tat des Mörders. Wo der Zuschauer anfangs noch von der kaltblütigen Tat schockiert war, sympathisierte er aufmalst mit dem Mörder. Im Film sollte auf die Ungerechtigkeit des Dreher-Gesetzes aufmerksam gemacht werden, keinesfalls ist dadurch jedoch die Selbstjustiz seitens Collinis gerechtfertigt. Auch unsere Experten teilten ihre Einschätzung mit, dass die Rachetat weiterhin als Mord zu qualifizieren gewesen wäre. Für Collini mochte es gerecht erscheinen, dass den Mann, der für den Tod seines Vaters verantwortlich war, das gleiche Schicksal ereilt. Doch Selbstjustiz ist keine Lösung und rechtfertigt nicht eine solch schwerwiegende Tat. Gerechtigkeit ist ein zu subjektiver Begriff, als dass man erreichen könnte, dass Recht immer gleichbedeutend mit Gerechtigkeit ist.

Was wir daraus mitnehmen können, ist, dass die Justiz nicht immer fehlerfrei, aber nichtsdestotrotz essentiell für eine funktionierende Gesellschaft ist. Um Skandale wie das Dreher-Gesetz in Zukunft zu vermeiden, ist es wichtig darauf aufmerksam zu machen und stets Justiz im Zusammenhang mit Moral und Gerechtigkeit zu hinterfragen.